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Familienaufstellung oder doch lieber Familienrekonstruktion!?

Familienaufstellungen sind in aller Munde. Viele verschiedene Vorstellungen darüber geistern in den Köpfen der Menschen. Das Spektrum reicht dabei von: das ist eine Möglichkeit, die alles lösen kann bis hin zur absoluten Verdammung. Die Verwirrung wird komplett, wenn man sich die unterschiedlichsten Ansätze und Methoden, mit denen Familienaufstellungen angeboten werden, ansieht. Das haben wir, Dipl.-Psych. Margarethe Reifinger und Dipl.-Psych. Beate Walter-Rosenheimer, zum Anlass genommen das Thema einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Wir wollen Ihnen die Antwort auf den Titel gleich geben: wir werden in Zukunft Familienrekonstruktionen anbieten. Die Erklärung dafür folgt im Text 

Warum überhaupt Familienrekonsruktionen?

Die Gründe, bei einer Familienrekonstruktion mitzuwirken, können so unterschiedlich sein wie das Leben.

Ø Ihre Beziehung verläuft nicht so, wie Sie sich das vorstellen?

Ø Sie wollen ihren Platz in der Familie besser verstehen?

Ø Sie haben Probleme mit Kollegen?

Ø Sie fühlen sich unfrei, ohnmächtig, gefangen oder haltlos?

Ø Sie haben das Gefühl, dass sich Situationen immer wiederholen?

Ø Sie sind (oft) krank und vermuten einen Zusammenhang mit Ihrer Familiengeschichte?

All das und viele andere Anliegen, die Ihnen wichtig sind, können Gründe für eine Familienrekonstruktion sein. Denn sie sind eine fantastische Möglichkeit sich selbst und seine Beziehungen zu anderen besser kennen zu lernen.

Jedes Kind erlebt von klein auf wie Beziehungen in der Familie gestaltet werden – und nimmt sie erst einmal als ‚die’ allgemeingültige Form der Beziehungsgestaltung an. Zunächst wird das nicht hinterfragt. Im Kontakt mit anderen Menschen merken wir dann oft, dass manche Beziehungen nicht so vonstatten gehen, wie wir das gerne hätten. Durch Familienrekonstruktionen können wir nun unsere Beziehungsmuster kennen lernen und herausfinden, was wir dazu beitragen, dass Beziehungen nicht so verlaufen, wie wir das brauchen. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch – nur die Frage: was tut mir gut, was nicht. Was kann ich ändern, wenn ich merke: das tut mir nicht gut. Dazu ein Beispiel aus der Praxis von Margarethe Reifinger, das gleichzeitig zeigt:

Wie kann eine Familienrekonstruktion ablaufen?

Eine Frau fühlt sich als Prellbock zwischen 2 Kolleginnen, die ihre Differenzen über sie austragen. Sie fühlt sich immer weniger wohl in dieser Rolle und weiß nicht, wie sie die Situation verändern kann. Ich schlage ihr eine Familienaufstellung vor. Während dieser erfährt sie von sich etwas , was ihr bis dahin so nie bewusst war: Schon als Kind war sie immer wieder Vermittlerin zwischen ihren Eltern und auch zwischen ihrer Familie und der restlichen Verwandtschaft. Dies Rolle war ihr so selbstverständlich geworden, dass sie sie nie hinterfragt hatte. Durch dieses Wissen kann sie sich während der Familienaufstellung eine Möglichkeit erarbeiteten, wie sie aus dieser Rolle bewusst herauszutreten kann: sie musste den anderen 2 Frauen deutlich sagen, tragt eure Differenzen alleine aus – ich spiele nicht mehr mit!

 

Also noch einmal genauer: Die Person, die gerne aufstellen möchte, schildert ihr Anliegen. Danach wird sie mit Hilfe der Leiterin/des Leiters klären, was sie aufstellen möchte – die Ursprungsfamilie, die jetzige Familie oder auch eine andere Gruppe von Menschen, in der sie Schwierigkeiten hat, so wie es die Frau aus dem Beispiel mit ihren KollegInnnen machte. Die Aufstellerin/der Aufsteller sucht sich aus den anwesenden Personen Stellvertreter für jedes Familienmitglied aus, die sie/er so im Raum aufstellt, wie sie/er sie in ihrem/seinem inneren Bild in Beziehung zueinander sieht. Danach wird sie/er zum Zuschauer, behält dadurch den Überblick und lässt das Geschehen auf sich wirken.

Die Stellvertreter fühlen sich in dieses Bild ein und berichten dann von ihren Eindrücken. Das können körperliche Empfindungen, Emotionen, Impulse oder anderes sein. Es ist immer wieder erstaunlich, was allein eine bestimmte Stellung im Raum in Beziehung zu anderen, auslösen kann.

 

Wenn jede/r berichtet hat, arbeitet der Leiter/die Leiterin daran, Impulse, von denen erzählt wurde, auszuprobieren; Prozesse einzuleiten, die von den Stellvertretern erspürt wurden. Das können Veränderungen der Stellplätze sein, können Sätze sein, die den Stellvertretern wichtig sind oder die der Leitung wichtig scheinen. Nach jeder Veränderung werden die Stellvertreter erneut befragt, wie sie sich in dieser neuen Konstellation fühlen. So ist es möglich langsam einen Prozess zu gestalten, der Lösungsansätze und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Der Prozess soll sich dabei frei entfalten können. Vorurteile, Urteile oder gar Verurteilungen dürfen dabei keine Rolle spielen.

 

Werden mögliche Lösungen sichtbar ist es Zeit die Aufstellung abzubrechen. Damit wird der Aufstellerin/dem Aufsteller Raum gegeben, diesen Prozess zu durchdenken und weiter zu führen.

 

Die Stellvertreter müssen zum Schluss ganz klar aus ihrer Rolle zu entlassen werden.

Meist braucht es danach meist keine großen Worte mehr. Allerdings muss immer Zeit sein, Krisen, die durch die gewonnenen Erkenntnisse entstehen, aufzufangen.

 

Ein bisschen Theorie muss sein

Schon Freud, Jung und andere Väter der Psychotherapie haben über Verbindungen gesprochen, in denen alle Lebewesen mit allen Familienmitgliedern (tot oder lebend) verbunden sind. Freud nannte es "Massenpsyche" und Jung spricht vom "Kollektiven Unbewussten". In der Gestalttherapie wird diesem Wissen um Verbundenheit Rechnung getragen, indem dort mit verschiedenen Methoden mit Angehörigen, aber auch Freunden oder Feinden kommuniziert wird.

 

Die Familienrekonstruktion als solche ist eine ursprünglich in der systemischen Familientherapie entwickelte Technik. Zu den großen Schöpfern und Pionieren der Systemischen Therapie gehören Virginia Satir, Nathan Ackerman, Don Jackson und Carl Withaker. Minuchin gilt heute als der bekannteste Vertreter der Strukturellen Familientherapie. Haley als Vertreter des strategischen Ansatzes. Selvini-Palazzoli, M. Wirsching und H. Stierlin stehen für das Mailänder Modell.

Die Familienrekonstruktion kann Menschen in die Lage versetzen, eine neue, hilfreichere Sichtweise ihrer jeweiligen Herkunftsfamilien zu entwickeln. Durch sie werden diese schon in der frühen Psychotherapie bekannten „alten Bindungen“ und ihre Wirkungen im Heute deutlich gemacht. Gegenwärtige Schwierigkeiten oder unauflösbar scheinende Konflikte zeigen sich in neuem Licht, wenn klar wird, dass sie ihre Ursprünge nicht nur in gegenwärtigen Beziehungen haben, sondern sich auch aus alten Mustern und Lösungsstrategien erklären lassen. Diese werden oft gespeist aus Familientraditionen, die nicht selten über Generationen hinweg wirken. Ein ganz simples Beispiel aus meiner eigenen Familie (Margarethe Reifinger): „Schon als Jugendliche war mir klar: so wie meine Mutter mit Streitigkeiten unter uns Geschwistern umgeht, werde ich das nie machen. Meine kleine Schwester brauchte nur kreischen und schon waren die Älteren Schuld – an was auch immer. Als Mutter ertappte ich mich dann dabei – ich machte es ganz genau so, weil ja der arme kleine Schwächere, sich nicht wehren kann. Durch dieses Merken, konnte ich die Streitigkeiten zwischen meinen Kindern gelassener wahrnehmen und sehen, dass der Kleine sich ganz gut wehren konnte und auch oft der Auslöser der Streitigkeiten war.“

 

Die meisten Menschen fühlen sich wohl, wenn sie die Verantwortung für sich und ihr Schicksal selber übernehmen können. Wir leben jedoch nicht ungebunden jeder in sich selbst verwoben, sondern sind immer auch Teil eines oder gar mehrerer Systeme. Dies kann die Familie, eine Organisation oder das soziale Umfeld sein. Wobei die Familie das System ist, das uns am nächsten steht, auch wenn wir das manchmal nicht wahrhaben wollen. In und durch sie sind wir geworden, was wir jetzt sind. Es nützt nichts, uns davon abzutrennen oder davonzulaufen. Diese Bindungen werden uns ein Leben lang begleiten. Je mehr wir jedoch darüber wissen, desto besser können wir uns entscheiden, ob wir bestimmte Muster weiterleben oder uns davon lösen möchten.

Was unterscheidet nun die verschiedenen Familienaufstellungen/-rekonstruktionen?

Der deutlichste Unterschied ist der, inwieweit und auf welche Weise sich die Leitung in den Prozess einbringt und auch und vor allem, welches „Menschenbild“ die Leiter ihrer Arbeit zugrunde legen. Gestalttherapeuten gehen davon aus, dass der Prozess, einmal angestoßen, seinen Lauf nimmt und es wichtig ist, die Person in ihrem Prozess zu unterstützen. Andere Ansätze haben feste Vorstellungen, was „richtig“ ist – und steuern den Prozess ganz bewusst dahin.

Wenn wir uns, zum Beispiel, einmal die Arbeitsweise von Bert Hellinger genauer anschauen, so greift dieser sehr stark in den Prozess ein und lenkt ihn nach seiner Vorstellung, wie Familie zu sein hat. Er nimmt wenig Rücksicht darauf, wie diese einmalige Familie ist und in ihrer ihr eigenen Art mit Problemen umgeht. Dadurch werden Menschen, die Hilfe suchen Lösungen aufgepfropft, die Ihnen oft nicht gemäss sind und auf Dauer mehr Schaden anrichten, denn heilen.

In einem Artikel in „psychologie heute“ im März 2003 wird genau auf diese Gefahren am Beispiel der Arbeit von Bert Hellinger hingewiesen. „Er sieht ‚Ordnungen’ die heilend in der Seele wirken.’ Eine dieser Ordnungen ist die von Ehre und Liebe, die Kinder ihren Eltern entgegenzubringen haben, auch wenn sie von ihnen misshandelt und missbraucht worden sein sollten.“ (Prof. Heiner Keupp, Ludwig-Maximilian-Universität München, Sozialpsychologie) „Die Schuld der Eltern geht die Kinder nichts an ... die Lösung für das Kind ist das Vergessen.“ (Bert Hellinger zitiert von Prof. Klaus Weber, FH Frankfurt, ebenda)

Dieser Vorstellung stimmen wir auf keinen Fall zu – natürlich ist es wichtig, Frieden mit der eigenen Vergangenheit zu schließen – das heißt jedoch nicht, dass alles, was Eltern tun oder auch unterlassen, zu verzeihen ist nur weil sie Eltern und damit ‚Autoritäten’ sind. „Wer sich nicht den Ordnungen von Familie, Volksgemeinschaft und Heimat unterwirft, muss sich nicht wundern, wenn er krank wird.“ (Bert Hellinger zitiert von Prof. Klaus Weber, FH Frankfurt, ebenda). Mit dieser Einstellung können dann alle Geschehnisse, die Menschen widerfahren oder angetan worden sind, sei es von den Eltern oder der Gesellschaft, entschuldigt und vergessen werden. Damit lassen wir jedoch diejenigen, die sich uns anvertrauen im Stich mit ihrem Leid.

Die Gestalttherapie geht davon aus, dass Menschen sehr viel über Beziehungen wissen. Es ist nur manchmal schwierig an dieses Wissen heranzukommen. Die Familienaufstellung ist eine Möglichkeit, dieses Wissen zu aktivieren und damit auch nutzen zu können. Und eine eigene „Ordnung der Dinge“ zu finden. Dadurch entsteht auch der Effekt, dass alle Teilnehmer eines Seminars – ob aktiv oder passiv, Aufsteller/in, Stellvertreter/in, Zeugen profitieren können. Unsere Aufgabe als Leitung sehen wir demnach darin: beobachten – stützen – auffangen – aufmerksam machen. Nicht jedoch eingreifen und lenken. Denn Menschen werden geformt in und mit unserem System (Familie, Schule, Gesellschaft ...). Das was und wie wir sind, sind kreative Anpassungsleistungen an dieses System, das nicht immer optimal für uns war und ist. So wie es Erhard Doubrawa und Stefan Blankertz in ihrem Buch ‚Einladung zur Gestalttherapie’ beschreiben: „Denn der Gestalttherapeut fragt nicht danach, wie sie (Menschen, MR) vom Durchschnitt abweichen. Er fragt danach, ob sie sich mit sich wohlfühlen. Er möchte, dass sie sich angemessen verhalten- angemessen Ihrer tatsächlichen Umwelt gegenüber und angemessen sich selbst gegenüber, so wie sie nun einmal sind.“

 

Aber: Bedingungen und Systeme ändern sich. Das gibt uns die Möglichkeit, immer wieder zu überprüfen, ob unsere Anpassungsleistungen noch sinnvoll sind. Je besser wir uns selbst kennen lernen, desto leichter wird das für uns.

 

Da also Änderung ein natürlicher Teil des Prozesses Leben ist, haben wir nun beschlossen: Der Begriff Familienaufstellung ist für uns zu negativ besetzt – wir werden wieder an den Anfang zurückgehen, als Familienaufstellungen noch Familienrekonstruktion/Familiendekonstruktion hießen; auch wenn das ein Begriff ist, den kaum jemand kennt: wir werde in Zukunft Familienrekonstruktionen anbieten.

 

 

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